Diesen Monat für Sie entworfen:

Benedikt Glück
Wirtschaftsingenieur
benedikt.glueck@dr-schauer.de

 

 

Florian Bumberger
Wirtschaftsfachwirt
Bankkaufmann
florian.bumberger@dr-schauer.de

 

 

Nicole Kaminski
Bankkauffrau
nicole.kaminski@dr-schauer.de

 

 

 

 


 

Schwarze Schwäne

Willem de Vlamingh war niederländischer Seefahrer und Entdecker. Und er machte im Jahr 1697 eine Entdeckung, die durchaus im Zusammenhang mit der Corona-Krise steht. Bei einer Expedition an einen durch das heutige Perth verlaufenden Fluss sah er verblüffendes: Ein schwarzer Schwan! Was heute nicht besonders aufregend klingt, war damals durchaus eine kleine Sensation. Denn im Europa des 17. Jahrhunderts waren schwarze Schwäne gänzlich unbekannt. Niemand hielt für möglich, dass es einen solchen Vogel geben könnte. Und dann, am 10. Januar 1697, gab es ihn doch. Seither steht der schwarze Schwan nicht nur für einen Wasservogel, sondern auch für gänzlich unerwartete Ereignisse (die jedoch durchaus mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit auftreten).

Heute, wir schreiben den 08.04.2020, haben wir es derweil nicht mit dem ersten schwarzen Schwan seit jenem „historischen“ Ereignis am Swan River (der von Willem de Vlamingh aufgrund seiner sensationellen Entdeckung extra so benannt wurde) zu tun. Die Menschheit ist dennoch immer wieder überrascht, dass es Überraschungen gibt. Die meisten bisherigen Börsencrashs können exemplarisch studiert werden. Fakt ist, egal ob der Tulpenpreis kollabierte oder ein winziger Virus seinen Weg aus Asien zu uns findet, die Menschheit wird immer wieder einen schwarzen Schwan entdecken. So mancher von Ihnen wird sagen: Das war ja klar, dass so etwas irgendwann kommt (tatsächlich handelt es sich bei der aktuellen Pandemie eigentlich eher um einen „grauen“ Schwan, denn es gab durchaus einige Experten, die ein vergleichbares Virus-Szenario vorausgesagt hatten). All jene sollten sich dann jedoch fragen, weshalb ihr Kontostand in den letzten Wochen nicht wesentlich gestiegen ist. Denn mit einem vorhergesagten Absturz der Finanzmärkte lässt sich ein Vermögen verdienen. Sehen Sie sich die Konjunkturprognosen von vor einem halben Jahr an. Sehen Sie sich die Reisebuchungen von vor einem halben Jahr an. Sehen Sie sich den Erdölfuture zum Stand September 2019 an…

Fassen wir zusammen: Schwarze Schwäne lassen sich nicht voraussagen, aber wir wissen, dass wir immer mal wieder einen „entdecken“. Rein logisch gesehen, sollten wir also zumindest die Möglichkeit eines solchen Ereignisses mit ins Kalkül ziehen (anstelle uns einer Kontrollillusion hinzugeben) und uns so weit wie möglich darauf vorbereiten. Wie? So, wie es die Natur seit jeher macht: Mit Redundanz. Warum haben wir zwei Nieren, Augen, Ohren, Nasenlöcher, … Redundanz. Wenn einer ausfällt kann der andere es kompensieren. Finanzplanerisch bedeutet Redundanz, sich Optionen offen zu halten und „nicht auf Kante zu planen“:

  • Der Umsatz bricht um 10% ein → kein Problem, es bestehen Rücklagen.
  • Kurzfristige Gewinne mit hohen (z.T. nicht erkennbaren) Risiken und externe Kosten → besser langfristige, nachhaltige Unternehmensentwicklung.
  • Der Immobilienmarkt stürzt ab → kein Problem, es besteht keine Abhängigkeit von den Mieteinnahmen.
  • Komplexe internationale Lieferketten brechen zusammen → kein Problem, wir können auch lokal (Toilettenpapier) produzieren…
  • Und ganz allgemein: Vielleicht sollten wir in konjunkturellen Hochphasen hier und da auch anderen Dingen als nur unseren ökonomischen Aktiva Aufmerksamkeit schenken. Sonst gefährden Krisen nicht nur unsere ökonomische Existenz, sondern unsere gesamte Identität.

Die Sache hat natürlich Grenzen, aber dennoch besteht ein Spielraum für Unvorhersehbares. Den gibt es offensichtlich bei vielen Unternehmen (und Krankenhäusern weltweit) nicht. Angedachte Liquiditätsstützen in Milliardenhöhe in Deutschland. Überlastung. Abriss zahlreicher (alternativloser  keine Redundanz) Lieferketten. Kurzarbeit. Eingeschränktes Reise- und Versammlungsrecht. Hamsterkäufe… Die tatsächlichen mittelfristigen Folgen sind aufgrund des hohen Komplexitätsgrades noch gar nicht absehbar.

Bleibt nur zu hoffen, dass wir gemeinsam (und damit meine ich nicht nur Deutschland, denn der Virus kennt offensichtlich keine Grenzen) die aktuelle Krise meistern und aus der gegenwärtigen Situation lernen. Nicht dass wir beim nächsten schwarzen Schwan wieder unvorbereitet feststellen müssen: Das war ja klar, dass so etwas irgendwann kommt.