Diesen Monat für Sie entworfen:

 

Benedikt Glück
Wirtschaftsingenieur
benedikt.glueck@dr-schauer.de

 

 

Florian Bumberger
Wirtschaftsfachwirt
Bankkaufmann
florian.bumberger@dr-schauer.de

 

Melanie Knöpfle
Bachelor of Arts in Business
Bankkauffrau

 

 

Nicole Kaminski
Bankkauffrau
nicole.kaminski@dr-schauer.de

 

 

 

 


Wer Anderen eine Grube gräbt, …

Wie man es in den Wald ruft, …

Wer im Glashaus sitzt, …

Wer von Euch ohne Schuld ist, werfe …

Lieber den Spatz in der Hand, …

Unsere Sprache ist Klebstoff und vielfach auch Spiegel der menschlichen Sozialisation. Viele religiöse Geschichten, Rituale und auch vorstehende Sprichwörter „ermahnen“ uns zum Zusammenhalt. Denn die überwiegende Zeit in der Menschheitsgeschichte war es für unser Leben unumgänglich, in engen sozialen Gemeinschaften zu leben. Yuval Harari beschreibt den Hintergrund für dieses Verhalten in seinem Buch „Eine kurze Geschichte der Menschheit“: Unser immer größer werdendes Gehirn (früher, ist heute nicht mehr so) sowie der aufrechte Gang (schmales Becken), erforderten immer frühere Geburten. Während ein neugeborenes Reh bereits nach wenigen Stunden neben der Mutter durch den Wald läuft, ist der menschliche Nachwuchs hiervon weit entfernt. Ohne die Hilfe einer sozialen Gemeinschaft also kein Überleben. Doch der noch entscheidendere Unterschied zwischen uns und anderen Tieren ist unsere Fähigkeit an gemeinsame Geschichten zu glauben und basierend darauf in großer Anzahl zu kooperieren. Die Wandlungsfähigkeit der Geschichten ist, so negativ die Konsequenzen auch sein mögen, ein zusätzlicher elementarer evolutionärer Vorteil. Ob es die „Geschichte“ (im Sinne von Erzählung) von Jesus Christus, dem deutschen Kaiserreich, dem Kommunismus oder dem Kapitalismus ist, all diese Geschichten verbinden Menschen und lassen Sie an gemeinsamen Zielen arbeiten. Dass rückwirkend manche dieser Ziele als äußerst fragwürdig zu betrachten sind (z. B. Blut und Boden Politik) ist Teil der Geschichte, die wir uns heute erzählen. Und auch diese Geschichte wird wahrscheinlich irgendwann rückwirkend als fragwürdig betrachtet werden.

Denn immer öfter erzählen wir uns (und wird uns erzählt), dass wir in aller erster Linie auf unsere eigenen Ziele hinarbeiten sollten. „Geiz ist geil“, „Work hard, play hard“, „Make the most of now“, „Live your dream”, sind nur ein paar jener modernen Sprachinhalte, die uns zu primär egoistischem Verhalten anleiten. So verwundert es auch nicht, dass Prof. Schwab, der Gründer und Geschäftsführer des Weltwirtschaftsforums, den Egoismus als größtes Problem unserer Zeit bezeichnet. Die maximale Bereicherung auf individueller Ebene sowie auf der Ebene bestimmter menschlicher Zusammenschlüsse (Unternehmen, Bundesland, Land, Kontinent) mag einer begrenzten Gruppe für begrenzte Zeit Vorteile verschaffen, ist jedoch in einem komplexen, stark vernetzten, internationalen Kontext keine sinnvolle, langfristige, gemeinsame Überlebensstrategie. Vorausgesetzt, wir stimmen mit einer bestimmten Geschichte, die sich Grundgesetz oder Menschenrechte nennt, überein. Darin erzählen sich die Menschen: Alle Menschen sind gleich. Ob Sie persönlich daran glauben, bleibt Ihnen überlassen (Anm.: was eine wunderbare Konsequenz unserer Grundgesetz-Geschichte ist, denn alternativ würde Ihnen ggf. jmd. unter Todesandrohung vorschreiben an den Gott Tengri zu glauben).

Vielleicht erleben wir derzeit ein Paradoxon: Wir sind als Spezies so erfolgreich, weil wir uns Geschichten erzählen können, die Kooperationen auf internationaler Ebene ermöglichen. Was aber passiert, wenn die Geschichte von einigen auf einmal lautet: Setze in erster Linie auf Durchsetzungsvermögen und Deinen eigenen Vorteil anstatt auf Kooperation, bzw. nur dann auf Kooperation, wenn primär Du selbst profitierst. Wenn unsere Geschichten die Kooperation also mehr zerstören anstatt Sie zu fördern? Ein „beeindruckendes“ Beispiel ist die derzeitige globale Impfstoffverteilung, der Klimawandel, die Überschuldung, …

Wir müssen aber nicht gleich den Weltfrieden bemühen, um über Kooperationen zu sprechen. Es reicht die Vorteile (bzw. die Nachteile bei kurzsichtiger bzw. partieller Kooperation) auf kleiner Ebene zu betrachten:

  • Sie verkaufen nichts mehr, wenn andere keine Geld mehr haben (erstaunlich viele Landwirte kaufen bei Aldi ein und fordern gleichzeitig hohe Milchpreise).
  • Sie haben unendlich viel Arbeit, wenn Sie alle Kompetenzen selbst erfüllen müssen (das kann nur Matt Damon auf dem Mars und der hatte keine Kinder dabei und musste nicht arbeiten, ausgehen, ernährt sich einseitig, …).
  • Sie schaffen möglicherweise Ihren eigenen Arbeitsplatz ab, indem Sie eine ordentliche Verzinsung Ihrer Rente erwarten.
  • Wenn niemand mehr Steuern zahlt, gibt es auch keine Fachkräfte mehr, die an Universitäten ausgebildet werden, keine Straßen, um die Waren zu transportieren, keine Kindergärten und für alle jede Menge Homeschooling (endlich noch mehr Zeit zusammen!).
  • Wenn Sie nicht mit dem Finanzamt kooperieren bekommen Sie eine Strafe (außer Sie kennen den Finanzbeamten vom gemeinsamen StarWars treffen  Die stärkere Geschichte gewinnt!).
  • Wenn sich mit der Kooperation auch die gemeinsame Geschichte auflöst (mit Sicherheit eine Wechselwirkung in beide Richtungen) gibt es keine Geschichte mehr.
  • Wenn Sie auf ein breites Netzwerk zurückgreifen können, werden Sie voraussichtlich erfolgreicher sein.
  • Ein (freies) wirtschaftliches Zusammenleben funktioniert nur dann, wenn die Mehrheit der Akteure (zumindest langfristig) profitieren.

Wir sind immer von anderen abhängig. Erfolgreiche Unternehmer wissen das. Sie kooperieren mit den richtigen Partnern, geben etwas zurück. Natürlich versuchen Sie immer etwas mehr zu nehmen als zu geben (=Gewinn). Das könnte man ggf. als „unsaubere“ Kooperation bezeichnen. Ob vor diesem Hintergrund der Kapitalismus (langfristig) die richtige Geschichte für die Menschheit ist, bleibt abzuwarten. Aber sonst erzählen wir uns halt etwas anderes. Denn:

Wer Anderen eine Grube gräbt, verschafft sich einen Vorsprung.

Wie man es in den Wald ruft ist egal, wenn er gewinnbringend zu Möbeln verarbeitet wurde.

Wer im Glashaus sitzt, baut sich einfach eine Klimaanlage ein.

Wer von Euch ohne Schuld ist, werfe sich ein versäumtes Leben ohne Freude vor.

Und natürlich:

Lieber den Spatz in der Hand und die Taube auf dem Dach.